
Von der Anpassung zur Spezialisierung: Die Entwicklung der Industriekletterausrüstung
- Die Pionierzeit: Von Hanfseilen und Abseilachtern (1930er–1970er)
- Erste Standardbestrebungen: IRATA und die ersten Geräte speziell für den Seilzugang (1980er)
- Europäische Normen als Innovationsmotor (1990er–2000er)
- Von der Idee zum Produkt kann der Weg oft steinig sein - ein Beispiel
- Moderne Hightech-Lösungen: Effizienz und Präzision (2010er–heute)
- Ausblick: Vernetzung, Nachhaltigkeit und Robotik
- Fazit: Von Improvisation zur spezialisierten Ausrüstung
Noch vor rund fünfzig Jahren war das Industrieklettern eine Nischenanwendung, in der wagemutige Arbeiter ihre alpinen Fähigkeiten notgedrungen in der Industrie einsetzten. Heute sind Industriekletterer hochqualifizierte Fachkräfte, ausgestattet mit modernster Technik, die speziell für den Einsatz an Fassaden, Offshore-Anlagen oder Windkraftwerken entwickelt wurde. Doch der Weg dahin war von Improvisation, waghalsigen Einsätzen und schließlich strenger Normierung geprägt.
Die Pionierzeit: Von Hanfseilen und Abseilachtern (1930er–1970er)
Bereits beim Bau der Golden Gate Bridge zwischen 1933 und 1937 wurden Fangnetze und einfache Stahl- beziehungsweise Hanfseile eingesetzt, um Arbeiter vor tödlichen Abstürzen zu bewahren. Richtig systematische Seilsicherungstechnik im modernen Sinne gab es jedoch noch nicht – es fehlten Prüfverfahren, genormte Geräte und jeder Sturz konnte fatale Folgen haben.
Mit dem Ausbau der Ölplattformen in der Nordsee ab den frühen 1970er-Jahren änderte sich das Bild: Offshore-Techniker, teils selbst passionierte Bergsteiger, begannen, ihre privaten Nylon-Kletterseile, Aluminium-Karabiner und Sportklettergurte für Wartungsarbeiten einzusetzen. Abseilachter wie der klassische „Figure 8 Descender“ und Prusikknoten dienten als Brems- und Sicherungssystem, obwohl sie für öl- oder eisbedeckte Seile ungeeignet waren. Die dünnen, ungepolsterten Hüftgurte aus dem Sportklettern führten bei längerem Hängen zu gefährlichen Hängetraumata, und Aluminiumkarabiner korrodierten rasch durch Salzwasser und Chemikalien.
Erste Standardbestrebungen: IRATA und die ersten Geräte speziell für den Seilzugang (1980er)
Die Häufung schwerer Unfälle führte 1987 in Großbritannien zur Gründung der Industrial Rope Access Trade Association (IRATA). Ziel war es, Ausbildung, Ausrüstung und Arbeitsverfahren zu professionalisieren und einen vergleichbaren Industriestandard zu schaffen. Ein Jahr später brachte Petzl mit dem Shunt (1988) eine erste mechanische Seilklemme auf den Markt – ein großer Fortschritt gegenüber improvisierten Prusikknoten, wenn auch ohne Vollbremsfunktion. 1989 folgte der Petzl Stop, das erste selbstbremsende Abseilgerät mit Panikfunktion, das bei unkontrolliertem Loslassen des Seils automatisch blockierte und so die Absturzgefahr deutlich verringerte.
Europäische Normen als Innovationsmotor (1990er–2000er)
Bereits seit 1989 war in der europäischen PSA-Richtlinie 89/686/EWG festgelegt, dass persönliche Schutzausrüstung (PSA) eindeutig identifizierbar sein muss. Hier ging es zunächst um Herstellerinformationen, CE-Kennzeichnung und ggf. Chargenangaben. Seriennummern waren aber noch nicht zwingend für jedes Einzelstück vorgeschrieben.
Nachdem in den frühen 1990er-Jahren die ersten europäischen Normen für PSA SZP erlassen wurden, mussten Hersteller ihre Produkte umfassenden Tests unterziehen: Sturzfaktorprüfungen, Korrosions- und Alterungstests sowie definierte Funktionstests bei Panikauslösung. Auch mussten die Geräte für den Arbeitseinsatz höhere Sicherheitsreserven bieten als Geräte im Freizeit- oder Sportbereich. Um die eindeutige Identifikation und Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten, mussten sicherheitsrelevanten mechanischen Geräte wie Abseilgeräte, Seilklemmen oder Auffanggeräte nun mit individuellen Seriennummer versehen werden. Der hieraus resultierende Sicherheitsgewinn für den Anwender war immens, denn als Folge entwickelten Petzl, Skylotec, Singing Rock und weitere Hersteller spezialisierte Industriegeräte, welche im Laufe der Jahre immer weiter auf Anwendungsgebiet und Einsatzbedingungen zugeschnitten wurden:
- Ganzkörpergurte mit gepolsterten Schulter-, Brust- und Beinschlaufen, integrierten Halteösen und Sitzbrettern, die langes Hängen komfortabel und risikoarm machen. Entwicklung von Gurten mit korrosionsbeständigen Ösen aus Edelstahl für die Nutzung im Offshore-Bereich,
- Karabiner mit automatischen Doppelverschlüssen, die Quer- und Längslasten nachprüfbar aushalten und eine großzügige Sicherheitsreserve bieten
- Mitlaufende Auffanggeräte wie der Petzl ASAP (ab 1999), das bei plötzlichem Abrutschen automatisch blockiert.
- Einführung von Sicherheitsreserven für den Fall, dass unerwartete Belastungen des Materials auftreten
Seit den 2000er-Jahren ist zudem die Zweitsicherung Pflicht: Jeder Industriekletterer arbeitet mit Haupt- und Sicherungsseil – ein redundantes System, was den Beruf zu einem sichern Betätigungsfeld gemacht hat.
Von der Idee zum Produkt kann der Weg oft steinig sein - ein Beispiel

Abbildung: Erster Prototyp des TAZ Firmengründers Pascal Ollivier Quelle: Pascal Ollivier, TAZ
Auch kleinere Unternehmen, die sich auf Nischenprodukte spezialisiert haben, entwickeln sich kontinuierlich weiter. Der Weg von einer Idee bis zum fertigen
Produkt ist weit, insbesondere wenn es sich um PSA der Kategorie 3 handelt. Die Auflagen für Prüfungen und die Qualitätssicherung in der Produktion sind enorm.

Abbildung: TAZ L'Olivette - Erstes Marktreifes und nach EN zertifiziertes Produkt
Quelle: Pascal Ollivier, TAZ
Viele Jahre hat TAZ-Firmengründer Pascal Ollivier – anfänglich in seiner Garage – überlegt und gebaut, 2002 das erste Patent angemeldet und mit dem LOV2 erst 2015 ein ebenfalls patentiertes Gerät für den professionellen Seilzugang auf den Markt gebracht. Nur mit Leidenschaft für die Sache und einer guten Portion Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen ist dies zu bewerkstelligen.

Abbildung: 2015 erschien das TAZ LOV 2, welches mehr Funktionen bot und auf den eigenen Patenten der Firma TAZ beruhte Quelle: Pascal Ollivier, TAZ
So innovativ wie die gesamte Branche, sind auch die Hersteller der zugehörigen Ausrüstung. Dabei haben sie, trotz aller unternehmerischen Zwängen, den Kontakt zu den Benutzern ihrer Produkte und die Leidenschaft für sicheres Arbeiten in der Höhe bewahrt.

Abbildung: TAZ LOV 3 - ein wahrer Alleskönner, der für eine Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten zertifiziert ist. Quelle: Pascal Ollivier, TAZ
Moderne Hightech-Lösungen: Effizienz und Präzision (2010er–heute)
Moderne halbstatische Seile bestehen aus hochfesten Polyester- oder Polyamid-Gemischen mit geringer Dehnung (2–5 %), UV-Schutz sowie Öl- und Chemikalienresistenz. Bei Betrachtung der Hersteller-Portfolios fällt sofort auf, dass Seile heute stark auf Anwendungsgebiet und -umgebung angepasst sind. Es gibt für jede Aufgabe und Umgebung ein spezialisiertes Produkt. Wer hierzu mehr erfahren möchte, kann hier nachlesen: Welche Seile zum Industrieklettern? Ein Überblick.
Motorisierte Ab- und Aufstiegsgeräte wie das ActSafe ACX (Markteinführung ca. 2016) ermöglichen Aufstiege und Materialtransporte auf Knopfdruck, was körperlich entlastet und die Arbeit ergonomischer sowie effizienter macht. Mehr Infos zu ActSafe-Winden findet ihr hier: https://www.zitras.com/psaga-pruefungen/actsafe-seilwinden
Vernetzte digitale Kraftmesszellen wie die LINEGRIP LineScale 3i kommen zunehmend zum Einsatz, um Seil- und Systembelastungen in Echtzeit präzise zu überwachen. Sie lassen sich drahtlos auslesen und in digitale Prüf- und Dokumentationssysteme integrieren – ein wichtiger Baustein für moderne Arbeitssicherheit und Nachvollziehbarkeit.
Immer häufiger werden PSA SZP-Komponenten mit RFID-Chips ausgestattet, um eine automatische Wartungs- und Einsatzdokumentation zu gewährleisten und den gesamten Lebenszyklus der Ausrüstung nachvollziehbar zu machen.
Ausblick: Vernetzung, Nachhaltigkeit und Robotik
Die nächste Entwicklungsstufe führt „Smart Equipment“ mit Sensorik ein: Sensoren messen in Echtzeit Seilbelastung, Temperatur und Verschleiß, melden Abnutzung und erinnern an Wartungen. Drohnen übernehmen Inspektionsflüge, bevor Menschen klettern. AR-Brillen liefern Live-Daten direkt ins Sichtfeld, und KI-Algorithmen optimieren Fehlersuche und unterstützen bei Risikoanalysen. Nachhaltige Materialforschung zielt auf recycelbare Seile und biologisch abbaubare Komponenten.
Innovationen der PSA SZP
Jahr | Innovation | Beispiel |
|---|---|---|
1988 | Erste industrielle Seilklemme | Petzl Shunt |
1989 | Selbstbremsendes Abseilgerät | Petzl Stop |
1997 | Mitlaufendes Auffanggerät | Petzl ASAP |
1997 | Motorisierte Abseilgeräte | ActSafe PME |
2010 | Erste RFID-Chips in PSA | DBI-SALA ExoFit NEX™ |
Heute | PSA mit Sensorik & IoT | Pilotprojekte in Entwicklung |
Fazit: Von Improvisation zur spezialisierten Ausrüstung
Die Geschichte der Industriekletterausrüstung ist ein Paradebeispiel dafür, wie Innovation aus der Notwendigkeit heraus entsteht. Was einst mit Hanfseilen, Sportklettergurten und Abseilachtern begann, ist heute ein hochregulierter Markt mit Spezialgeräten, die maximale Sicherheit, Effizienz und Flexibilität bieten.
Eine wichtige Rolle spielte hierbei die Normierung und Standardisierung, welche nicht nur Menschenleben rettete, sondern auch den technologischen Fortschritt vorantrieb. Und diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen: Mit Sensorik, digitaler Vernetzung und nachhaltigen Materialien steht die nächste Generation der Industriekletterausrüstung bereits in den Startlöchern — sicherer, intelligenter und ressourcenschonender als je zuvor.






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