
Wer macht die ganze Arbeit? Fachkräftemangel & Industriekletterern in Deutschland
Der Fachkräftemangel macht auch vor unserer Branche keinen Halt. Einerseits spielen Spezialisten für Höhenarbeiten eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung wichtiger Infrastrukturprojekte wie Brückensanierungen, Windkraftinstallationen und Hochbau. Doch andererseits trifft die steigende Nachfrage nach der Expertise auf eine viel zu kleine Basis spezialisierter Fachkräfte, die über eine Zusatzqualifikation als Höhenarbeiter verfügt. Warum ist das so? Und wie können wir diesem Problem begegnen? In diesem Artikel beleuchten wir Ursachen, Auswirkungen und mögliche Lösungen für diesen Engpass.
Key Takeaways
• Der Mangel an Fachkräften in der Höhenarbeit bleibt trotz leichter Entspannung akut, insbesondere im Kontext des beschlossenen Infrastrukturpakets.
• Selbstständigkeit bietet Vorteile wie Flexibilität und selbstbestimmtes Arbeiten, birgt aber auch Risiken wie fehlende Absicherung.
• Zusatzqualifikationen und Spezialisierungen aus bestehenden Gewerken heraus sind entscheidend, um den Anforderungen moderner Projekte gerecht zu werden.
• Unternehmen und staatliche Stellen müssen in Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme investieren.
• Der Einsatz moderner Technologien wie Drohnen kann die Arbeit von Industriekletterern ergänzen und effizienter gestalten.
Der Fachkräftemangel im Kontext des Infrastrukturpakets
Das deutsche Infrastrukturpaket, das Milliardeninvestitionen in Brücken, Windkraftprojekte und das Schienennetz bis 2030 vorsieht, hat die Nachfrage nach Industriekletterern noch einmal deutlich erhöht. Laut aktuellen Prognosen sind mehr als 4.000 Brücken sanierungsbedürftig und der Ausbau der Windkraft ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende. Doch jede dritte offene Stelle im Bauwesen bleibt unbesetzt, was Projekte verzögert und die Kosten in die Höhe treibt.
Dieser Engpass wird durch den demografischen Wandel und strukturelle Herausforderungen wie unattraktive Arbeitsbedingungen und mangelnde Ausbildungsangebote verschärft.
Angestellt oder selbstständig: Die Realität der Industriekletterer
Auch die Arbeitsmodelle innerhalb der Branche sind vielfältig. Viele Kletterer entscheiden sich für die Selbstständigkeit, da sie auf den ersten Blick ein höheres Einkommen und größere Projektfreiheit bietet. Allerdings geht dies auch mit Risiken wie einer unsicheren Auftragslage und fehlender sozialer Absicherung einher. Angestellte Kletterer profitieren dagegen von stabilen Einkommen, Sozialleistungen und Unterstützung durch ein Team, haben jedoch weniger Flexibilität. Wir haben dieses Spannungsfeld in einem eigenen Blogartikel intensiv beleuchtet, hier nochmal die Zusammenfassung:
Angestellt
- Stabile Einkommen, Sozialleistungen, Teamunterstützung
- Weniger Flexibilität, Abhängigkeit von Konjunktur
Selbstständig
- Kurzfristig höhere Verdienste, Projektfreiheit, Spezialisierungsmöglichkeiten
- Unsichere Auftragslage, fehlende Absicherung
Schätzungen zufolge sind etwa 60-70 % der Industriekletterer in Deutschland selbstständig. Unternehmen berichten von Schwierigkeiten, qualifizierte Fachkräfte mit entsprechender Zusatzqualifikation zu finden, was die Arbeitsbelastung für bestehende Teams erhöht. Die Branche hat es dadurch auch schwerer, aus sich heraus mehr Fachkräfte zu erzeugen. Wenn ein Großteil der Fachkräfte als Freelancer arbeitet, fehlt es in vielen Betrieben an dauerhaft verfügbaren, eigenen Teams, die systematisch ausgebildet und weiterqualifiziert werden können.
Stimmen aus der Branche
"Die Auftragslage ist gut, aber das Personal fehlt“, lautet ein häufiger Kommentar aus der Branche. Unternehmen, die auf Industriekletterer angewiesen sind, kämpfen mit unbesetzten Stellen und steigenden Kosten.
Ein weiteres Problem ist die Verteilung der Projekte. Ballungsräume mit viel angesiedelter Industrie oder ländlichen Räumen, in denen viele Windenergieanlagen errichtet werden, haben eine hohe Dichte an Infrastrukturprojekten, während in anderen Regionen weniger Bedarf besteht. Dies führt zu ungleicher Arbeitsverteilung und erschwert die Planung für Unternehmen.
Warum Zusatzqualifikationen unverzichtbar sind
Eine wichtige Lösung für den Mangel an Fachkräften, die hochgelegene Arbeitsplätze erreichen müssen, liegt demnach in der Weiterbildung und Spezialisierung. Facharbeiterinnen und Facharbeiter, die zusätzlich eine Qualifikation für seilunterstützte Arbeitsverfahren erwerben, sind besser auf die Anforderungen moderner Projekte vorbereitet. Besonders in Bereichen wie der Windkraft sind spezialisierte Fähigkeiten gefragt.

Die zitras Trainingshalle für praktische Weiterbildungen in allen Bereichen der Höhenarbeit
Für Unternehmen lohnt es sich, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren, um von der guten Auftragslage für spezialisierte Fachkräfte zu profitieren. Schulungen und Zertifizierungen können nicht nur die Qualität der Arbeit verbessern, sondern auch die Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung erhöhen. Gleichzeitig sollten staatliche Stellen und Bildungsinstitutionen verstärkt Ausbildungsprogramme fördern, um den Nachwuchs für diese anspruchsvolle Branche zu sichern. Der Bildungsgutschein kann hier nur die Basis darstellen.
Praktische Tipps für die Branche
Um den Fachkräftemangel bei Industriekletterern zu bewältigen, können Unternehmen und Einzelpersonen mehrere Maßnahmen ergreifen:
Für Unternehmen: Frühzeitige Personalplanung und Kooperation mit Schulungszentren sind entscheidend. Unternehmen sollten flexible Arbeitsmodelle fördern, die sowohl angestellten als auch selbstständigen Kletterern gerecht werden. Zusätzlich könnten sie Anreize wie höhere Gehälter oder Boni für spezialisierte Fachkräfte schaffen.
Für Industriekletterer: Regelmäßige Weiterbildung und Spezialisierung erhöhen die Chancen auf lukrative Projekte. Netzwerken mit anderen Fachkräften und Unternehmen kann zudem helfen, neue Aufträge zu gewinnen und von Best Practices zu lernen.
Zuletzt könnte Technologie einen entscheidenden Beitrag zur Schließung der Fachkräftelücke beitragen. Es wird bereits an Lösungen mit modernen Technologien wie Drohnen und Künstlicher Intelligenz (KI) gearbeitet, um Arbeiten an schwer zugänglichen Stellen zu unterstützen. Im Brückenbereich zeigen Pilotprojekte, dass Drohneninspektionen und die Auswertung mit KI-Unterstützung die Dauer von Prüfungen stark reduzieren und Sperrungen minimieren können: MDR berichtet etwa, dass Brückenprüfungen, die früher Wochen dauerten, mit Drohnen innerhalb von Stunden möglich sind und dabei schwer zugängliche Bereiche sicher erfasst werden.
Diese Technologien können zwar keine Industriekletterer ersetzen, ermöglichen aber jetzt schon eine effizientere Planung und Vorbereitung bei Großprojekten und ergänzen die Fähigkeiten von Fachkräften. Unternehmen, die innovative Lösungen einsetzen, gewinnen nicht nur an Effizienz, sondern ziehen auch talentierte Fachkräfte an.
Fazit
Industriekletterer sind ein wichtiger Baustein für die Modernisierung unserer Infrastruktur und die Umsetzung der Energiewende. Gleichzeitig verschärft der anhaltende Fachkräftemangel den Druck auf Projekte und Teams, insbesondere im Umfeld des deutschen Infrastrukturpakets. Mit gezielten Investitionen in Ausbildung und Weiterbildung, attraktiven Arbeitsbedingungen sowie passgenauer staatlicher Förderung lässt sich dieser Engpass zumindest deutlich abmildern. Unterstützende Technologien wie Drohnen und KI werden Prozesse effizienter und sicherer machen, können die qualifizierten Fachkräfte aber auf absehbare Zeit nur ergänzen, nicht ersetzen.
FAQ
Warum gibt es einen Fachkräftemangel bei Industriekletterern?
Die steigende Nachfrage durch Infrastrukturprojekte und der demografische Wandel führen zu einer unzureichenden Fachkräftebasis.
Welche Vorteile bietet die Selbstständigkeit für Industriekletterer?
Selbstständige Kletterer profitieren von größerer Projektfreiheit, tragen jedoch auch höhere Risiken. Unseren eigenen Artikel dazu findest du hier.
Welche Rolle spielen Unternehmen bei der Lösung des Fachkräftemangels?
Unternehmen sollten in die Weiterbildung und Spezialisierung ihrer Mitarbeiter investieren und flexible Arbeitsmodelle fördern.
Welche Regionen in Deutschland sind besonders betroffen?
Industriell erschlossene Ballungsräume und Regionen mit vielen Windparks haben eine besonders hohe Nachfrage nach Industriekletterern.






Kommentare
Keine Kommentare