7 Reminder aus der Seilzugangstechnik die gern vergessen, aber sehr gefährlich werden können

Die Seilzugangstechnik ist eine sichere, jedoch anspruchsvolle Methode, um Arbeiten in großer Höhe oder an schwer zugänglichen Orten durchzuführen. Dank moderner Ausrüstung und fundierter Schulung ist sie eine anerkannte Alternative zu herkömmlichen Zugangsmethoden wie Gerüsten oder Arbeitsbühnen. Jedes Jahr wird deshalb in der Wiederholungsunterweisung das Wissen aufgefrischt und neue Regeln vermittelt. Und jedes Jahr in den Schulungen (aber auch auf Baustellen!) erleben wir, wie vermeintliche Kleinigkeiten nicht mehr umgesetzt werden. Doch selbst kleine Fehler sind in der Höhe potenziell sehr gefährlich. Deshalb findet ihr hier eine Liste mit den Dingen, die wir immer wieder in den Schulungen sehen, die aber nicht auf der Baustelle passieren sollten. Diese praxisnahen Tipps sollen als Erinnerungsstütze dienen, Sicherheit und Effizienz in der Praxis zu gewährleisten. Los geht’s!

1. Steigklemme vollständig schließen

Die Steigklemme ist ein unverzichtbares Werkzeug für Seilzugangstechniker. Sie ermöglicht den sicheren Aufstieg am Seil. Damit die Sicherheit gewährleistet ist, muss die Steigklemme immer geschlossen werden - sowohl auf dem Seil, als auch bei Nichtbenutzung, wenn sie am Gurt verstaut wird. Ein offener Klemmnocken kann zu Verletzungen und Materialschäden durch die Zähne des Klemmmechanismus führen oder eine Arbeitssituation negativ beeinflussen. Wie erst vor einigen Wochen im Rahmen einer Rettungsübung geschehen. Der Retter hatte die hilflose Person aus dessen Bruststeigklemme gelöst und in das eigene System übernommen. Die nicht verschlossene Seilklemme des zu Rettenden hat sich im Lauf des Abseilvorgangs im Tragseil des Retters verfangen und selbstständig geschlossen. Dadurch wurde das Abseilgerät blockiert und auf eine nicht dafür vorgesehene Art und Weise belastet. Die Situation konnte nur durch ein erneutes Ausheben der hilflosen Person gelöst werden. In einer echten Notfallsituation bedeutet dies Stress für beide Seilzugangstechniker und eine unnötige Verzögerung der Rettung. Vor jedem Einsatz sollten Techniker daher die Verschlussmechanik prüfen und darauf achten, dass diese vor dem Einsatz komplett geschlossen ist.

Abbildung: Die spitzen Zähne des Klemmmechanismus können leicht zu Verletzungen und Materialschäden führen.

2. Seitenklappe am Abseilgerät prüfen

Das Abseilgerät ist ein weiteres Kernelement der Seilzugangstechnik. Die Seitenklappe dient dazu, das Seil sicher zu führen und ein Herausrutschen zu verhindern. Ein kurzer Kontrollblick reicht aus, um sicherzustellen, dass die Klappe korrekt geschlossen ist. Diese kleine Routine kann gravierende Unfälle vermeiden. Bei der parallelen Benutzung von zwei Abseilgeräten (zwei Systeme unter Last) sind mehrere Fälle bekannt, bei denen ein Abseilgerät den Verschlussmechanismus des dahinterliegenden manipuliert und unbeabsichtigt geöffnet hat. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle auch während der Benutzung zu empfehlen.

Abbildung: Abseilgerät mit unvollständig geschlossener Seitenklappe

3. Immer gesichert an die Kante gehen

Beim Annähern an die Absturzkante muss Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) benutzt werden. Diese Maßnahme schützt zuverlässig vor Abstürzen und gibt zusätzliche Sicherheit, bis der Anwender sich im Seilsystem gesichert hat. Achtung: die Ausbildung und Zertifizierung als Seilzugangstechniker - egal welches Level - ersetzt nicht die Unterweisung in der Benutzung von PSAgA.

4. Das Abseilgerät kontrollieren

Ein korrekt benutztes Abseilgerät ermöglicht es dem Anwender, den Abseilvorgang sicher und präzise zu kontrollieren. Die Funktionsweise der auf dem Markt befindlichen Geräte ist zwar nahezu identisch, jedoch existieren Unterschiede, in welche Richtung der Bremshebel gedrückt oder gezogen werden muss, von welcher Seite das Tragseil in und aus dem Gerät läuft und ob es eine Paniksicherung gibt oder nicht. Außerdem können die verschiedenen Modelle bedingt durch Witterungseinflüsse, Beschaffenheit und Zustand des Seil oder bei Belastung im Rettungsfall unterschiedlich sensibel reagieren. Das Gerät muss jederzeit kontrolliert werden können, um ein ungewolltes Durchrutschen zu verhindern. Nur so ist ein sicheres Arbeiten am Seil, positionsgenaues Manövrieren sowie eine effektive und sichere Rettung möglich. Neben der jährlichen Prüfung durch eine sachkundige Person und der regelmäßigen Kontrolle vor, während und nach der Benutzung durch den Anwender, ist es daher notwendig, sich vor dem Erstgebrauch eines neuen Gerätes mit der Funktionsweise und den Besonderheiten vertraut zu machen. Am besten praktisch unter kontrollierten Bedingungen und nicht erst auf der Baustelle.

5. Redundanz wahren

Redundanz ist ein grundlegendes Prinzip der Seilzugangstechnik. Im Gesamtsystem muss stets eine doppelte Sicherung vorhanden sein. Dies reduziert die Gefahr eines Totalausfalls und erhöht die Sicherheit erheblich. Gerade bei Seilmanövern, die nicht regelmäßig ausgeführt werden und bei denen die Geräte mehrmals vom Seil getrennt und neu aufgesetzt werden müssen oder beim horizontalen Zugang an Einzelanschlagpunkten (traversieren), kann es schnell zu einer unbeabsichtigten Aufgabe der Redundanz kommen. Hier gilt es aufmerksam zu bleiben und die beiden voneinander unabhängigen Sicherungen vom Gurt bis zur Struktur zu bewerten, bevor die dritte Verbindung gelöst wird.

6. Pendelsturz-Risiken erkennen und vermeiden

Ein Pendelsturz entsteht, wenn der Techniker seitlich vom Seilverlauf abweicht und im Falle eines Sturzes zurück schwingt. Um dieses Risiko zu minimieren, sollten Höhenarbeiter ihre Arbeitsposition und den Seilverlauf sorgfältig planen. Scharfe Kanten und Umlenkungen, die das Seil beschädigen könnten, sind ebenfalls zu vermeiden. Um Seilbeschädigung an Kanten zu verhindern, gibt es eine Hierarchie:

  • die scharfe Kante entfernen (was selten möglich ist)
  • Kante umgehen (z.B. durch die Wahl anderer Anschlagmöglichkeiten, eine Umlenkung oder eine Zwischenverankerung)
  • die Kante abdecken / entschärfen

Die richtige Planung des Seilverlaufs ist entscheidend, um das Risiko eines Pendelsturzes zu minimieren, dabei ist eine mögliche Veränderung der Falllinie durch die wechselseitige Belastung von zwei oder mehr Seilen zu berücksichtigen.

7. Back-up/Falldämpfer sinnvoll planen

Das Backup, in der Regel ein mitlaufendes Auffanggerät mit Falldämpfer, muss so eingesetzt werden, dass es das Tragsystem optimal ergänzt. So schützt es nicht nur vor dem Absturz, sondern reduziert auch die Kräfte, die im Falle eines Sturzes auf den Körper einwirken. Die Entwicklung von falldämpfenden Elementen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich vorangetrieben worden. Mittlerweile bieten viele Hersteller Falldämpfer an, die für definierte Gewichtsklassen (Anwendergewicht) ausgelegt sind. Dies gilt es also beim Kauf zu berücksichtigen. Bei der Planung der Ausrüstung der verfügbare freie Sturzraum am Einsatzort zu beachten.

 

Weitere Praktische Tipps für den Alltag

Sicherheitsroutinen helfen euch einige Gefahren systematisch auszuschließen. Zudem sollten regelmäßige Schulungen und Auffrischungskurse genutzt werden, um das Wissen auf dem neuesten Stand zu halten. 

 

Checklisten als Werkzeug

Checklisten sind ein einfaches, aber effektives Hilfsmittel, um die Sicherheitsroutinen zu festigen. Vor jedem Einsatz können Techniker eine standardisierte Liste durchgehen, um sicherzustellen, dass alle Ausrüstungsgegenstände den Einsatzbedingungen entsprechend gewählt und geprüft sind. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit von Nachlässigkeiten und gibt ein zusätzliches Sicherheitsgefühl.

Regelmäßige Schulungen und Auffrischungen

Die Seilzugangstechnik erfordert nicht nur intensive Erstausbildungen, sondern auch kontinuierliche Weiterbildungen. Neue Techniken, verbesserte Ausrüstungen und aktualisierte Sicherheitsstandards machen es notwendig, regelmäßig an Unterweisungen teilzunehmen. Dies ist nicht nur eine rechtliche Anforderung, sondern auch ein Schlüssel, um in kritischen Situationen richtig zu reagieren.

Abbildung: Schulung, regelmäßige Unterweisungen und Fortbildung erhöhen die Sicherheit - auch auf der Baustelle. 

 

Teamarbeit und gegenseitige Unterstützung

In der Höhe ist niemand auf sich allein gestellt. Ein starkes Team, das sich gegenseitig unterstützt, kann entscheidend zur Sicherheit beitragen. Arbeitskollegen können beispielsweise Checks nach dem Vier-Augen-Prinzip durchführen, um sicherzustellen, dass alle Verbindungen und Sicherungen korrekt sind. Diese Praxis stärkt nicht nur die Sicherheit, sondern auch das Vertrauen innerhalb des Teams.

Erfolg durch bewusste Planung

Bei der Durchführung von Projekten in großer Höhe ist eine bewusste Einsatzplanung der Schlüssel zum Erfolg. Neben der technischen Ausrüstung und den Sicherheitsvorkehrungen sollten auch Umweltfaktoren wie Wetterbedingungen, Lichtverhältnisse und mögliche Gefahrenstellen analysiert werden. Eine gründliche Gefährdungsbeurteilung vor Arbeitsbeginn sorgt dafür, dass unvorhergesehene Risiken bereits im Vorfeld minimiert werden können.

Präzision und Geduld

Ein weiterer Aspekt, der häufig übersehen wird, ist die mentale Einstellung. Präzision und Geduld spielen eine entscheidende Rolle bei der Arbeit in großer Höhe. Wer sich Zeit nimmt, um jede Sicherheitsmaßnahme sorgfältig durchzuführen, reduziert nicht nur Risiken, sondern schafft auch eine ruhige Arbeitsatmosphäre, die Fehler minimiert.

Fazit

Die "7 Reminder" bieten eine solide Grundlage für sicheres Arbeiten in der Seilzugangstechnik. Durch ihre konsequente Anwendung können Risiken minimiert und die Sicherheit erhöht werden. Mit der richtigen Einstellung, kontinuierlicher Weiterbildung und der Zusammenarbeit im Team wird die Seilzugangstechnik zu einer der sichersten und effizientesten Zugangsmethoden überhaupt. Wir werden in Zukunft weitere Fallstricke aufdecken und die sinnvolle Verzahnung von Theorie und Praxis vorantreiben. Passt auf euch auf!

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